Ausbildungsunterhalt - Orientierungsphase kann auch länger dauern

Familienrecht

Eltern schulden ihrem Kind gemäß § 1610 Abs. 2 BGB grundsätzlich die Kosten einer angemessenen Vorbildung zu einem Beruf.

Angemessen ist eine Ausbildung, die der Begabung und den Fähigkeiten, dem Leistungswillen und den beachtenswerten, nicht nur vorübergehenden Neigungen des einzelnen Kindes am besten entspricht.

Geschuldet wird die den Eltern wirtschaftlich zumutbare Finanzierung einer optimalen begabungsbezogenen Berufsausbildung ihres Kindes, die dessen Neigungen entspricht, ohne dass sämtliche Neigungen und Wünsche berücksichtigt werden müssen, insbesondere nicht solche, die sich nur als flüchtig oder vorübergehend erweisen oder mit den Anlagen und Fähigkeiten des Kindes oder den wirtschaftlichen Verhältnissen der Eltern nicht zu vereinbaren sind.

Dieser Anspruch eines Kindes auf Finanzierung einer angemessenen, seiner Begabung, Neigung und seinem Leistungswillen entsprechenden Berufsausbildung ist allerdings vom Gegenseitigkeitsprinzip geprägt.

Der Verpflichtung des Unterhaltsschuldners auf Ermöglichung einer Berufsausbildung steht auf Seiten des Unterhaltsberechtigten die Obliegenheit gegenüber, sie mit Fleiß und der gebotenen Zielstrebigkeit in angemessener und üblicher Zeit zu beenden.

Unterhaltsleistungen nach § 1610 Abs. 2 BGB sind zweckgebunden und werden nur insoweit geschuldet, als sie für eine angemessene Vorbildung zu einem Beruf erforderlich sind.

Zwar muss der Verpflichtete nach Treu und Glauben Verzögerungen der Ausbildungszeit hinnehmen, die auf ein vorübergehendes leichteres Versagen des Kindes zurückzuführen sind. Verletzt dieses allerdings nachhaltig seine Obliegenheit, seine Ausbildung planvoll und zielstrebig aufzunehmen und durchzuführen, büßt es seinen Unterhaltsanspruch ein und muss sich darauf verweisen lassen, seinen Lebensunterhalt durch Erwerbstätigkeit selbst zu verdienen.

Nimmt ein Kind erst 26 Monate nach Erreichen der Hochschulreife das Studium mit dem Studienfach Sozialarbeit auf, verletzt es seine Obliegenheit zur planvollen und zielstrebigen Aufnahme der Ausbildung nicht, wenn es zunächst eine viermonatige Ausbildung zur Erzieherin abbricht und dann zwei auf Sozialarbeit bezogene Praktika von drei bzw. 19 Monaten absolviert.

Dem Kind kann nicht entgegengehalten werden, dass es sich zu zögerlich für das Studium entschieden habe.

Einem jungen Menschen ist grundsätzlich eine gewisse Orientierungsphase zuzugestehen, deren Dauer von Fall zu Fall unterschiedlich ist und sich jeweils nach Alter, Entwicklungsstand und den gesamten Lebensumständen des Auszubildenden richtet.

Je älter der Auszubildende indessen bei Schulabgang ist und je eigenständiger er seine Lebensverhältnisse gestaltet, desto mehr tritt an die Stelle der Elternverantwortung die Eigenverantwortung für seinen Berufs- und Lebensweg. Eine zu lange Verzögerung kann letztlich dazu führen, dass der Ausbildungsanspruch entfällt. Dies ist jedoch hier nicht der Fall.

OLG Koblenz, 06.11.2001 - Az: 11 UF 227/01

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Thilo Friedrich, Hasselroth-Neuenhasslau

Alles in Ordnung - vielen Dank. Zumindest sind wir um einiges schlauer.

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