Wertheim. "Wohnen in der Altstadt" lautete das Schwerpunktthema, mit dem sich der Arbeitskreis "Bürger für Wertheims Zukunft" in seiner jüngsten Sitzung befasste. "Wer mit offenen Augen durch Wertheim geht, der erkennt, dass Altstadtsanierung eine Daueraufgabe ist", leitete Vorsitzender Helmut Arnold in das Thema ein. Ungenutzte Gewerbeflächen auf Erdgeschossebene, leerstehende Wohnungen darüber, einsturzgefährdete und sanierungsbedürftige Anwesen - der positive Wandel, der Mitte der 70er Jahre eingeleitet wurde, hat noch nicht alle Altstadtecken erreicht.
Eine konkrete Bestandsaufnahme über Leerstände und Sanierungsbedarf erarbeitet derzeit das Baurechts- und Umweltamt der Stadtverwaltung. Sie lag zum Zeitpunkt der Arbeitskreissitzung noch nicht vor. Aber mit Edgar Beuchert hatte das Gremium einen Fachmann eingeladen, der als Geschäftsführer der Stadtentwicklungs-Gesellschaft Wertheim (Steg) die Altstadt wie seine Westentasche kennt. "Enge Bebauung, Hochwassergefährdung, keine Parkplätze direkt am Haus - in der Altstadt rechts der Tauber kumulieren die Probleme". So begann Beuchert seine Analyse. Tatsächlich zeigen die Einwohnerzahlen rechts der Tauber sinkende Tendenz, sie gingen von 1225 im Jahr 1985 auf 1045 bis Ende 2000 zurück.
Schlüssig und für
alle nachvollziehbar zeigte Beuchert die Gründe für diese Entwicklung
auf. Zum einen seien in den zurückliegenden 15 Jahren die Ansprüche
an die Wohnqualität gestiegen. Gefragt seien eine ruhige Lage in harmonischer
Nachbarschaft, helle und großzügig geschnittene Wohnungen, am
besten mit Balkon und Terrasse und einer Garage in unmittelbarer Nähe.
"Diese Qualitätsmerkmale sind in einer eng bebauten Altstadt naturgemäß
nur schwer zu erfüllen." Zum anderen sind auch die Ansprüche
an die Wohnungsgröße gestiegen: In immer mehr Haushalten leben
immer weniger Bewohner. Einwohnerzuwachs ist in Wertheim überall dort
zu beobachten, wo in den letzten Jahren Neubaugebiete ausgewiesen wurden.
Einen dritten und gewichtigen Grund sah der Geschäftsführer der
Steg in der deutlichen Entspannung des Wohnungsmarktes in den letzen Jahren.
"Allein durch den Abzug der Amerikaner sind 750 Wohnungen zusätzlich
auf den Markt gekommen."
Dem gegenüber stünden
aber auch eine ganze Reihe von positiven Faktoren. Erstens: "Man wohnt,
das wird uns immer wieder bestätigt, gerne in der Altstadt, vorausgesetzt
es ist attraktiv und bezahlbar." Zweitens: Die Stadt habe durch ihr Sanierungsengagement
in der Altstadt einen attraktiven Rahmen geschaffen. Und drittens seien
eine ganze Reihe von Hemmnissen abgebaut werden, so zum Beispiel der Wegfall
der Stellplatzablöse, der Bau der Parkgarage Schlossberg als Garagenplatz
für Altstadtbewohner oder auch die Hochwasserschutzmaßnahmen.
"Es gibt also keinen Grund, die Altstadt schlecht zu reden", fasste Beuchert
zusammen.
Dass die Verwaltung die Sanierung
der Altstadt als Daueraufgabe begreift, machte Oberbürgermeister Gläser
in der anschließenden Diskussion deutlich. Durch Aufnahme dreier
Sanierungsgebiete in die Landesförderung, durch die Programme PES
(Programm einfache Stadterneuerung) und WUP (Wohnumfeldprogramm) seien
40 Mio Mark Zuschüsse bereitgestellt worden. "Diese haben ein Vielfaches
an Investment, auch von privater Seite, ausgelöst. Man kann - multipliziert
mit dem Faktor 3,5 - von insgesamt rund 140 Mio Mark ausgehen." Für
das Sanierungsgebiet III, so bestätigte Edgar Beuchert, hat die Stadt
vor zwei Jahren eine nochmalige Aufstockung des Förderrahmens um 3
Mio Mark erreicht. "In diesem Bereich - um den Neuplatz herum - laufen
derzeit 15 Sanierungsmaßnahmen." Die Stadtentwicklungs-Gesellschaft
ist unmittelbar engagiert, indem sie mit Besitzern und Anwohnern verhandelt,
mit Eigentümern Sanierungsverträge abschließt, Investoren
an Land zieht oder auch - siehe die geplante Bebauung des Neup
"Und dennoch", so lenkte
Vorsitzender Arnold den Blick auf die Schwachpunkte, "gibt es in der Altstadt
eine Reihe von Anwesen, die leer stehen, die zusehends verfallen und alles
andere als ein positives Aushängeschild für unsere schöne
Altstadt sind.." Ihm schwebte vor, dass die Steg diese Anwesen erwirbt,
in bewährter Weise saniert und anschließend wieder verkauft.
Dieser scheinbar simplen Problemlösung musste Beuchert allerdings
gleich mehrere Riegel vorschieben: "Wir stoßen oft an Grenzen, wenn
wir auf die Besitzer zugehen. Es gibt nun mal welche, die wollen schlicht
und einfach nicht." Zum anderen könnten private Investoren Steuervorteile
geltend machen, die der Steg nicht zustehen. "Die Rentabilität bei
privatem Engagement ist deutlich besser."
Die mangelnde Mitwirkungsbereitschaft der Eigentümer sah auch Oberbürgermeister Gläser als Haupthemmnis an. "Zu jedem Haus gibt es eine Geschichte." In vielen Fällen hätten die Wohnungen im Obergeschoss keinen eigenen Zugang. Es müsste zunächst ein neues Treppenhaus eingebaut werden, das aber wieder die gewerblichen Flächen im Erdgeschoss mindert. Wohnungen stünden leer, weil der Besitzer keine Mieter im Haus haben will. Aus der "Fülle von Individualbegründungen" nannte Gläser als weiteres Bespiel den Fall, dass die Hauserben im Ausland leben und keinen Bezug mehr zu Wertheim haben. Es gebe auch Fälle, in denen die Eigentümer sich keine Investitionen leisten können. "Der häufigste Fall allerdings ist: Der Eigentümer will ganz einfach nichts tun. Es gibt manche, die beatmen wir seit 20 Jahren ohne Erfolg."
Wie bewegt man die Besitzer
zum Verkauf oder zum Engagement? In diese Kernfrage mündete für
Arbeitskreismitglied Heinz-Peter Schuldt die gemeinsame Problemanalyse.
Dr. Jörg Paczkowski schloss dabei nicht aus, dass die gemeinsam konstatierte
Unwilligkeit der Eigentümer auch mit Unkenntnis gepaart ist. "Sanieren
in der Altstadt - das ist mit Vorurteilen behaftet. Man fürchtet,
die Finanzierung sei ein Fass ohne Boden, man hat Angst vor Auflagen des
Denkmalschutzes." Aus eigener Erfahrung beschrieb Dr. Paczkowski das positive
Gegenteil: "Ich bin mit dem Kauf und der Sanierung eines Hauses in der
Altstadt finanziell viel besser gefahren, als wenn ich ein Haus mit der
gleichen Wohnfläche neu gebaut hätte." Auch die steuerlichen
Vorteile, die der Ensembleschutz bietet, seien vielen potentiellen Investoren
nicht bekannt. "Wir brauchen eine koordinierende Institution, die die Eigentümer
beratend an die Hand nimmt," schlug Helmut Schöler vor und setzte
dabei auf das Know-How der Stadtentwicklungs-Gesellschaft.
"Lassen Sie uns positive
Öffentlichkeitsarbeit für das Engagement in der Altstadt machen,"
griff Vorsitzender Helmut Arnold diese Hinweise auf. Die Vorschläge,
die dazu im Arbeitskreis diskutiert wurden, sollen in den nächsten
Wochen konkretisiert werden. Denkbar ist beispielsweise eine Informations-
und Vortragsreihe in Zusammenarbeit zwischen Stadtentwicklungs-Gesellschaft,
Historischem Verein und Architekten. Die Auflage einer Informationsbroschüre
für Altstadtinvestoren wurde als weiteres Beispiel genannt. Edgar
Beuchert verwies nochmals auf die Bestandsaufnahme, die bei der Stadtverwaltung
derzeit erarbeitet wird. Sobald sie vorliege, werde die Steg auf alle betroffenen
Eigentümer zugehen und ihnen fachliche Beratung anbieten. "Über
die Ergebnisse dieser Kontakte werden wir den Arbeitskreis in der nächsten
Sitzung informieren," sagte Beuchert zu.
Mit diesem Beratungsergebnis war Vorsitzender Arnold hochzufrieden. "Der Arbeitkreis Bürger für Wertheims Zukunft hat mit dieser Diskussion beispielhaft gezeigt, wie Wissen und Ideen auf einen Nenner gebracht werden. Wir bleiben an dem Thema dran!"
Quelle: Pressemitteilung des Kultur- und Presseamtes Wertheim